Dialog mit dem Publikum? - Das Blaue Sofa zum vierten Mal bei den Salzburger Festspielen

Rheda-Wiedenbrück / Berlin, 2. August 2011 

Das sehen Kulturwissenschaftler heute anders, sie geben dem Klassikerpublikum, das sie zärtlich als Silbersee bezeichnen, maximal noch dreißig Jahre Lebenszeit. Bei Konzert, Theater, Oper habe man es versäumt, sich den medialen Gewohnheiten des Publikums anzupassen. Und nur weil der traditionelle Besucher inzwischen durchschnittlich 61 Jahre alt sei und nichts anders kenne, applaudiere er Künstlern die – wie im 19. Jahrhundert - neunzig Minuten in Abendkleid oder Frack auftreten. Gleichzeitig lockten „Cross-over-Künstler“ wie David Garrett oder „Klassiker“ wie Peter Maffay, der inzwischen seinen Rocksound durch ein großes Orchester unterfüttert, die Jungen zu Tausenden in die Kultur-Arenen. Vertreibt die zunehmende Eventkultur das Gute, Schöne, Wahre aus unserer Gesellschaft oder haben es die klassischen Programmmacher versäumt, ihr Angebot den Bedürfnissen eines jüngeren Publikums anzupassen?

Hans Neuenfels, der mit seiner Lohengrin-Inszenierung in Bayreuth große Begeisterung auslöst und der seit den 70er Jahren als Protagonist des „Regietheaters“ den Dialog mit dem Publikum stets gesucht und gepflegt hat, erklärt: „Trotz aller Eitelkeiten eines Künstlers ist das Publikum doch das Entscheidende. Das ist kein Anbiedern, sondern das lebenswichtige Fundament unserer Arbeit.“

Sasha Waltz, die „experimentierfreudigste Choreografin Deutschlands“ (Die Zeit) setzt auf Nachwuchsförderung und Jugendarbeit: 2005 gründete sie in Berlin das Projekt TanzZeit, um „Kindern aller Schichten und Kulturen unabhängig von deren Herkunft, Alter und Geschlecht zeitgenössischen Tanz als Kunstform näher zu bringen und Tanz im Bildungswesen zu etablieren. Bis vor einem Jahr haben in Berlin 98 Schulen mit über 10.000 Kindern aus mehr als 450 Klassen an ihren TanzZeit-Projekten teilgenommen.

Markus Hinterhäuser - Intendant und sehr erfolgreicher Pianist - indessen steigerte die Auslastung seiner Salzburger Festspiele durch ungewöhnliche Spielorte, eigenwillige Interpreten und: zeitgenössische Musik. Abgesehen davon begeistert er seit Jahren sein Publikum für die Musik der vergangenen 60 Jahre. So gelang es ihm, ein junges, alternatives und neugieriges Publikum an die Festspiele zu binden. Für ihn besteht das Problem in der Mutlosigkeit der Politik bei der Besetzung künstlerischer Spitzenpositionen: "Die Tendenz, nur noch Maßstäbe gelten zu lassen, die nicht primär aus der Kunst kommen, sondern fast ausschließlich aus der Betriebswirtschaft oder der Kommunikationstechnik, halte ich für außerordentlich bedenklich.“

Das Blaue Sofa ist das gemeinsame Autorenforum vom Club Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und dem ZDF. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 ist es zu einer festen Institution auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig geworden. Im Herbst 2005 feierte das Blaue Sofa Berlin seine Premiere im Berliner Ensemble; seit 2008 gastiert das Blaue Sofa bei den Salzburger Festspielen.
 
Nach oben   Seite drucken   RSS-Feed   Schriftgröße: A- A A+